Meister Eckhart: ein missverstandener Wegbereiter
Wissenschaftliche Eröffnung des Studienjahres an der LSRS mit einem Kolloquium über Meister Eckhart.
Zwischen 1326 und 1329 fand zunächst in Köln und anschließend in Avignon, damals Sitz des Papstes, ein aufsehenerregender Prozess statt. Es handelte sich um den Prozess gegen Meister Eckhart, Generalvikar im Dominikanerorden, anerkannter Theologe, der heute von der katholischen Kirche als Denker ersten Ranges angesehen wird. Die Theologin Marie-Anne Vanier, Doktorin der Philosophie, Professorin an der Universität Lothringen und assoziierte Professorin an der Luxembourg School of Religion & Society, erklärt, dass Meister Eckhart die intellektuelle Autorität seiner Zeit war und an der Universität Paris auf einer Stufe mit dem heiligen Thomas von Aquin lehrte. Meister Eckhart war zugleich „Lesemeister“ und „Lebemeister“, also Lehrer und Meister des spirituellen Lebens. Der "Lesemeister" weiß etwas über Gott; der "Lebemeister" lebt aus Gott.
Wie ist es möglich, dass gegen einen solchen Mann ein Prozess angestrengt wurde, der, wie Jean-Claude Lagarrigue betont, nicht „von Unfähigen und Neidern, sondern von hochrangigen Geistlichen, unterstützt von den besten Theologen jener Zeit“, geführt wurde? Auf diese Frage und ihre Konsequenzen wollte der Studientag zum Eckhart-Prozess eine Antwort geben. Das Kolloquium fand am 15. September 2026 im Centre Jean XXIII statt, auf Initiative der LSRS in Zusammenarbeit mit dem Forschungsteam für die rheinischen Mystiker (ERMR), einem der Universität Straßburg angegliederten universitären Forschungslabor. Die besten deutschen und französischen Eckhart-Forscher kamen zusammen, um die Gründe für diesen Prozess zu ergründen, dessen Eröffnung – auf den Tag genau – vor 700 Jahren stattfand.
Am Montagabend, dem 14., wurde die Tagung mit einem Vortrag von Marie-Anne Vanier, einer international anerkannten Expertin für Meister Eckhart, eröffnet: „Wir verfügen heute über die wissenschaftliche Ausgabe von Eckharts Werk, und die Quellenforschung hat begonnen (…). Der Prozess wurde aus juristischer Sicht untersucht. 700 Jahre später erleben wir einen Wendepunkt, und dieses Kolloquium ist das erste einer langen Reihe". Nachdem sie die wichtigsten Etappen des Prozesses – zunächst in Köln, dann in Avignon – in Erinnerung gerufen hatte, betonte die Theologin, dass die Kirche heute die Rechtgläubigkeit von Meister Eckhart anerkennt. „1992, während des Generalkapitels der Dominikaner in Mexiko-Stadt, beantragte Pater Timothy Radcliffe offiziell die Rehabilitierung von Eckhart. Die Antwort lautete, dass diese Rehabilitierung nicht notwendig sei, da er nie namentlich verurteilt worden sei.“ Nachdem dieser grundlegende Punkt geklärt war, ging die Erzählung weiter. Marie-Anne Vanier sprach von Recht, von Eifersucht, vom Unverständnis der Zeitgenossen, von einem außergewöhnlichen Prozess für einen außergewöhnlichen Denker, bis hin zum Vergleich von Eckharts Leiden mit dem Christis.
Die verschiedenen von Marie-Anne Vanier angesprochenen Aspekte wurden im Laufe des 15. September von den besten Eckhart-Experten vertieft. Vor einem Fachpublikum analysierte Julie Casteigt von der Universität Regensburg Artikel 1 des „Votum Avenionense“, der vom Gericht als ketzerisch erklärt worden war. Anschließend ging Jean-Claude Lagarrigue der Frage nach, was an Eckharts Äußerungen so skandalös war. Benoît Beyer de Ryke von der Freien Universität Brüssel untersuchte die wahrscheinlichen Gründe für den Prozess gegen Eckhart und hob dabei insbesondere Eckharts Predigten in der Volkssprache für Laien hervor, eine für die damalige Zeit neuartige Praxis. Anschließend versuchte Jean Devriendt (ERMR), die Bulle von Papst Johannes XXII. aus dem Jahr 1329 zu relativieren, mit der 28 Artikel aus dem Werk des dominikanischen Theologen verurteilt worden waren, und Emmanuel Bohler (ERMR) analysierte Eckharts Antworten auf die beanstandeten Thesen.
Am Nachmittag folgten Beiträge deutschsprachiger Forscher: Jana Ilnicka (Universität Erfurt), „Freispruch nicht nötig? Eckharts Lehre zwischen päpstlicher Gelassenheit und dogmatischen Grenzen“, Harald Schwaetzer (Universität Stuttgart), „Die Folgen des Eckhart-Prozesses aus der Sicht von Nikolaus von Kues“, und Dietmar Mieth, „Die Prozesse gegen Meister Eckhart und Marguerite Porete. Moralische, rechtliche und theologische Probleme – damals und heute“. Schließlich ergriff ein junger Wissenschaftler des ERMR das Wort: Thomas Petruzzella, Doktorand an der Universität Lothringen, der unter der Betreuung von Marie-Anne Vannier und Andreas Speer (Universität zu Köln, Thomas-Institut) am Thema „Die Fluidität des Subjekts bei Meister Eckhart“ arbeitet. Meister Eckhart kann in Frieden ruhen, seine Werke sind nicht in Vergessenheit geraten!
Wenn Sie mehr erfahren möchten: Der französischsprachige katholische Sender KTO hatte Marie-Anne Vannier und Jean-Claude Lagarrigue im Rahmen der Sendung „La foi prise au mot“ zu Gast. Das Interview finden Sie hier.
Dieser Artikel wurde mithilfe einer KI-Software aus dem Französischen übersetzt und anschließend Korrektur gelesen und überarbeitet, um die Richtigkeit und redaktionelle Qualität zu gewährleisten.
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