Hoffnung und Engagement statt Spekulieren
Sonntagskommentar zum 21. Sonntag im Lesejahr C - Jean-Marie Weber, Theologe, Psychoanalytiker (24.08.2025)
Sehnsüchtig blickten wir auf den Berggipfel, den wir ersteigen wollten, um die Alpen aus einer anderen Perspektive zu sehen. Wir haben Karten studiert, Bildgalerien angeschaut und Leute befragt. Es war klar, dass es nicht einfach werden würde. Mut zum Risiko war gefragt. Den Weg musste man zum Teil selbst bestimmen und am Pass angekommen, musste man durch ein dreißig Zentimeter breites Loch hindurchschlüpfen. Besonders dieses Loch und der Grat inspirierten meine Gedanken über die „enge Pforte“, von der Jesus in Lukas 13,24 spricht. Beeinflusst wurden meine Überlegungen auch durch die Frage eines Freundes, wie man heute noch Glauben könne und ihn weitergeben.
Der Pädagoge Lukas (Osborn) spricht in diesem Zusammenhang von „einem Ringen“. Es braucht eine geistig-leibliche Anstrengung, eine Transformation. Dies meint wohl auch das Bild der engen Pforte, die durchquert werden muss. Der Mensch fragt sich, wo er sich von Jesus angesprochen fühlt, was ihn herausfordert, was ihn ängstigt und wo er zweifelt. Wir verstehen: eine kritische Reflexion qualifiziert die Entscheidung.
Ähnlich wie bei einer Pass- oder Gratwanderung erleben wir, wie uns auf dem Weg als Christ vor, während und nach der Entscheidung Energie, Kompetenzen und ein neues Selbstverständnis zuwachsen. Wenn es uns gelingt, die Enge zu durchqueren, können wir die Welt und das Leben aus einer neuen Perspektive betrachten. Die Entscheidung verändert unser Hoffen, Denken und Handeln, d. h. unsere Wirklichkeit. (Von Sass)
Gerechtigkeit ist von zentraler Bedeutung für diese Lebensform. Dabei stellt sich die Frage, ob Jesus laut Lukas nicht zu streng ist, wenn er angibt diejenigen aus der Gemeinschaft auszuschließen, die lediglich mit ihm am Tisch saßen und ihm auf den Marktplätzen nur zuhörten. Eine existenzielle Lektüre des Textes macht jedoch deutlich, dass wir nicht zu viel über ein endzeitliches Gericht spekulieren sollten. (Rahner) Es geht hier um den Appell, sich der Konsequenzen des eigenen Handelns bewusst zu werden. Ein Beispiel hierfür ist der verlorene Sohn im gleichnamigen Gleichnis (Lk. 15). Nach einem selbstzerstörerischen Leben entschied er sich, zu seinem Vater zurückzukehren, der ihn freudig wieder aufnahm. Damit ein Neuanfang für den Sohn möglich war, übernahm der Vater seine Verantwortung, zu verzeihen.
Ein Christ entwickelt sich vor allem durch die Begegnung mit Menschen, die aus der Liebe leben. So wird er zu „Salz der Erde“ (Mt. 5,13). Im Prozess des „Learning by doing“ subjektiviert und sozialisiert er den Glauben als Engagement. Die Treue zum Evangelium kann nicht im Widerspruch zur Treue zu sich selbst stehen!
Im Grunde gehen Christen eine doppelte pascalsche Wette ein. Sie setzen darauf, dass ihnen während ihres Engagements Kraft, Freiheit und Freude zuwächst.
Einige setzen eher auf die Unverfügbarkeit, die Unbestimmtheit und die Geheimnishaftigkeit der Welt, der anderen Menschen und auch von sich selbst. Sie erhoffen sich, mit dieser Sichtweise offene und faire Menschen zu werden. Sie setzen also nicht auf die säkularen Götter Geld, Macht oder absolutes Genießen.
Andere setzen darauf, dass ihr Ja zu „Gott als Liebe“ (1 Joh. 4,16) ihre Wirklichkeit als Person und ihr Zusammenleben verändert. Als Gläubige sind sie „außer sich“ – vor Empörung über Ungerechtigkeit und in der Hoffnung auf die ankommende Gerechtigkeit. (Von Sass/Derrida)
Auf diese Weise wird Transzendenz in der Immanenz, in der Welt wirksam. (Rawls/Habermas)