„Die Bestimmung des Menschen ist Conversation“
Der neue Vorsitzende der deutschen Bischofkonferenz, Heiner Wilmer SCJ, predigte bei der Eröffnungsandacht der Springprozession.
Bischof Heiner Wilmer nahm in seiner Predigt zur Eröffnung der Springprozession am Pfingstmontag Abend Bezug auf das Tagesevangelium von Emmaus. Die Emmausjünger seien nach Kreuzigung und Auferstehung Jesu von Angst und Unsicherheit geprägt gewesen. Sie wussten nicht, wie es weitergehen sollte, und zogen sich aus dem Zentrum Jerusalems in das kleine Dorf Emmaus zurück. Auch heute gebe es viele Menschen, die mit Sorge auf die Zukunft blickten, in ihren Beziehungen verunsichert seien und nicht wüssten, was sie erwarte. Dieses Bild der Emmausjünger sei deshalb auch ein zentrales Bild für die Kirche der Gegenwart.
In diesem Zusammenhang erinnerte der Bischof an den Heiligen Willibrord, der im 7. und 8. Jahrhundert ebenfalls in einer Zeit großer Fragilität gelebt habe. Willibrord habe gleichsam das Narrativ der Emmausjünger verkörpert: geboren in England, geprägt in Irland, missionarisch tätig in Nordwesteuropa und zugleich eng mit Rom verbunden. Er sei ein Mann der Weltkirche gewesen, der bereits damals verstanden habe, dass die Verkündigung des Evangeliums immer den Blick auf die ganze Welt voraussetze.
Anschließend griff Bischof Wilmer Gedanken des Jesuiten Michel de Certeau (1925-1986) auf, den Papst Franziskus einmal als einen der bedeutendsten und anregendsten Theologen der Neuzeit bezeichnet habe. De Certeau war ein außergewöhnlicher Denker, Historiker, Kulturtheoretiker, Semiotiker und Psychoanalytiker zugleich. Bekannt wurde er vor allem durch sein Werk „Kunst des Handelns“, in dem er beschreibt, wie Menschen im Alltag kreative Wege finden, mit gesellschaftlichen Strukturen umzugehen.
De Certeau verstand Glauben nicht als ideologisches System, sondern als etwas, das sich in konkreten historischen Situationen bewähren müsse. Er wollte nach eigenem Verständnis weniger Intellektueller als vielmehr „militant“, also engagierter Zeuge des Glaubens, sein. Dabei sprach er von einem „christianisme éclaté“, einem „zerbrochenen“ oder „zersplitterten Christentum“, das die Erfahrungen und Brüche der Menschen ernst nehmen müsse.
Im Zentrum seiner Überlegungen stand der Begriff der „Conversation“. Bischof Wilmer erläuterte, dass damit nicht bloß Unterhaltung oder Small Talk gemeint sei, wie im Deutschen. Für de Certeau bedeute „Conversation“ vielmehr einen lebendigen Prozess, in dem Menschen im Austausch Wirklichkeit, Beziehungen und gemeinsamen Sinn hervorbringen. Es gehe nicht um die bloße Weitergabe fertiger Wahrheiten, sondern um ein gemeinsames Unterwegssein.
Der Bischof verwies dabei auch auf die lateinischen Wortbestandteile von „conversare“: „con“ – gemeinsam – und „versare“ – sich wenden oder drehen. Conversation könne daher auch verstanden werden als ein gemeinsames Sich-Drehen und Sich-Bewegen aufeinander zu. Gerade darin liege eine tiefe Verbindung zur Echternacher Springprozession, in der sich Tausende gemeinsam in Bewegung setzen. Christlicher Glaube bedeute, aus sich selbst herauszugehen und zugleich in die Wirklichkeit der anderen einzutreten – „sortir et entrer“.
Nach Worten Wilmers könne gerade Michel de Certeau helfen, den Glauben in einer postsäkularen Gesellschaft neu zu bezeugen. Der Mensch sei dazu bestimmt, sich gemeinsam mit anderen auf den Weg zu machen und sich den Menschen zuzuwenden.
Den Menschen kann man nicht durch KI oder Maschinen ersetzen
Zum Abschluss seiner Predigt erwähnte der Bischof die Veröffentlichung der neuen Enzyklika „Magnifica Humanitas“ durch Papst Leo XIV am selben Tag in Rom. Papst Leo XIV. spreche darin über die digitale Revolution und die Künstliche Intelligenz in einem zugleich offenen und differenzierten Ton – weder technikeuphorisch noch kulturpessimistisch. Entscheidend sei für ihn, dass der Mensch im Mittelpunkt bleibe und niemals durch Maschinen ersetzt werde. Damit stehe er deutlich in der Tradition von Papst Franciskus, dem ebenfalls daran gelegen gewesen sei, dass Menschen gemeinsam unterwegs bleiben und Verantwortung füreinander übernehmen.
Rund zwanzig Bischöfe und Kardinäle, die an dem Seminar der europäischen und afrikanischen Bischofskonferenzen CCEE und SECAM in Luxemburg zum Thema „Synodalität und Evangelisation in Afrika und Europa“ teilnehmen, hatten auch an der Andacht zur Eröffnung Springprozession teilgenommen.
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