„Europa, woher kommst du, wohin gehst du?“ Unter diesem Titel stand die 63. internationale Priestertagung der I.P.T. EUROPAX, die am 5. Oktober 2026 in Remerschen/Schengen stattfand. Als Referent konnte Jean-Claude Juncker, ehemaliger Präsident der Europäischen Kommission und ehemaliger Premierminister des Großherzogtums Luxemburg, gewonnen werden.
Seit vielen Jahren führt eine jährliche Begegnung viele Priester aus den Diözesen Aachen, Hasselt, Lüttich, Luxemburg und Roermond zusammen. Die grenzüberschreitende Tagung dient dem Austausch, der Information und der persönlichen Begegnung in freundschaftlicher Atmosphäre. Dass sie diesmal in unmittelbarer Nähe des europäischen Erinnerungsortes Schengen stattfand, verlieh dem Thema Europa eine besondere Symbolik.
Mit Jean-Claude Juncker war ein Gesprächspartner eingeladen, der die europäische Einigung über Jahrzehnte hinweg aus nächster Nähe begleitet und mitgestaltet hat. Als luxemburgischer Premierminister und später als Präsident der Europäischen Kommission gehörte er zu den prägenden Persönlichkeiten der europäischen Politik. Von 2014 bis 2019 stand er an der Spitze der Europäischen Kommission. Weihbischof Leo Wagener stellte den Referenten kurz vor. Dabei ließ Juncker auch wissen, dass seine Memoiren, an denen er derzeit arbeitet, am 10. März 2027 erscheinen sollen.
Junckers persönliche und politische Biografie ist eng mit der Geschichte der europäischen Integration verbunden. Bereits als luxemburgischer Finanzminister war er an den Verhandlungen zum Vertrag von Maastricht beteiligt. Später prägte er als langjähriger Vorsitzender der Eurogruppe wichtige Etappen auf dem Weg zur gemeinsamen europäischen Währung. Entsprechend verband sein Vortrag historische Erfahrungen mit einem durchaus kritischen Blick auf die gegenwärtige Situation Europas.
Europas Zukunft zwischen Selbstbehauptung und Verantwortung
Zunächst richtete Juncker den Blick auf die Stellung Europas in der Welt. Angesichts seiner vergleichsweise geringen geografischen Größe und der demografischen Entwicklung werde Europas Gewicht im weltweiten Kräfteverhältnis weiter abnehmen. Das wirtschaftliche und politische Zentrum der Welt werde sich, so seine Einschätzung, zunächst weiter nach Asien und langfristig auch nach Afrika verlagern. Europa müsse sich dieser Entwicklung stellen und dürfe nicht in eine „Eurosklerose“ verfallen.
Noch unter dem Eindruck des jüngsten Papstbesuches in Metz widmete Juncker einen großen Teil seiner Ausführungen der katholischen Soziallehre, die mit Papst Leo XIII. einen wichtigen Ausgangspunkt genommen habe und heute auch von Papst Leo XIV. fortgeführt werde. Zugleich beklagte er, dass immer weniger Politiker, die sich selbst als christlich verstehen, die Grundlagen und Anliegen der christlichen Soziallehre wirklich kennen würden. Damit schlug Juncker die Brücke zu den christlichen Gründervätern Europas, insbesondere Robert Schuman, Konrad Adenauer und Alcide De Gasperi. Ihre europäische Vision habe wesentlich dazu beigetragen, dass Europa nach den Schrecken zweier Weltkriege einen langen Zeitraum des Friedens erleben konnte. Diese Leistung drohe heute zunehmend in Vergessenheit zu geraten.
Mit Sorge sprach Juncker über die gegenwärtigen internationalen Spannungen. Sowohl Wladimir Putin als auch Donald Trump betrachteten das europäische Modell, so seine Einschätzung, als ein Gegenmodell zu ihren jeweiligen politischen Vorstellungen. Gleichzeitig warnte er davor, Russland dauerhaft aus Europa auszugrenzen. Russland gehöre – unabhängig von politischen Entwicklungen – auch geografisch und historisch zu Europa, und der Krieg in der Ukraine werde eines Tages zu Ende sein. China bezeichnete Juncker als einen systemischen Gegenspieler Europas. Auch die Beziehungen zu Afrika müssten neu gedacht werden. Er verglich Afrika mit einem „Cousin“ Europas und räumte ein, dass die Europäische Union Afrika zu lange von oben herab betrachtet habe. Die Folgen dieser Haltung seien heute spürbar.
Besonders eindringlich warnte Juncker vor politischem Extremismus und Antisemitismus. Dass antisemitische Tendenzen wieder so deutlich zutage treten würden, habe er nicht für möglich gehalten. Auch bei der Frage nach der europäischen Sicherheit mahnte er, die Bedrohung durch Russland ernst zu nehmen. Zugleich verwies er darauf, dass Deutschland bereits während der Entspannungspolitik unter Willy Brandt einen höheren Anteil für die Verteidigung aufgebracht habe als das wiedervereinigte Deutschland heute.
Ein überzeugter Europäer und „Freund der Kirche“
Zum Schluss kam Juncker noch einmal auf das Verhältnis von Europa, Christentum und Kirche zurück. Er bezeichnete sich selbst als einen „Freund der Kirche“, weil die Kirche der Menschheit viel Gutes gebracht habe, zugleich sei er aber nicht ein „Mann der Kirche“.
Besondere Bewunderung äußerte er für Robert Schuman, den er vor allem wegen dessen Fähigkeit zur Versöhnung schätze. Schuman habe selbst die Schrecken der Grenzregionen und zweier Weltkriege erlebt und daraus nicht Hass, sondern den Willen zur Versöhnung und zur europäischen Zusammenarbeit entwickelt.
Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit gehört seit Jahrzehnten zum Selbstverständnis von I.P.T. EUROPAX. Gerade die Kirchen in den Grenzregionen erleben, dass Grenzen Menschen nicht voneinander trennen müssen, sondern zu Orten der Begegnung und des Austauschs werden können. Der Veranstaltungsort Schengen hätte für dieses Anliegen kaum passender gewählt werden können.
„Europa, woher kommst du, wohin gehst du?“
Unter diesem Titel stand die 63. internationale Priestertagung der I.P.T. EUROPAX.
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